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Quarks Biographie

Quarks

Aus einem gewissen Blickwinkel betrachtet hat Quarksland vier Wände und einen weiß lackierten Dielenfußboden. Es ist ein weißes Zimmer in Prenzlauer Berg mit einem weißen Bett und einem weißen, lakenartigen Vorhang, der, heruntergelassen, die Außenwelt verschwinden lässt. Ein schöner Ort ist das, einer, in dem sich die Gedanken entfalten können, weil sie nicht abgelenkt werden – die Voraussetzung für das, was die Quarks (Joyces »Finnigan’s Wake« entsprungen: der Stoff, aus dem die Atome sind) „Reibung“ nennen. Denn aus Reibung entsteht bekanntlich Wärme, und auch die Helle des Raums darf nicht täuschen: Die Innenwelt der Quarks ist eher dunkel.

Im letzten Jahr, zwischen Januar und April, ist Jovanka von Willsdorf auf eine Reise durch die Außenwelt gegangen; Zufallsbegegnungen und unvorhergesehene Ereignisse erwiesen sich als Glücksbringer in dem Sinne, dass ein Tag ein guter Tag ist, wenn am Ende desselben ein Lied steht – auch wenn Begegnungen manchmal wehtun. Mehr als 20 Songs. Zurück im weißen Raum in Berlin entschieden sich Jovanka und Niels Lorenz, ihr Partner in der Musik, dann für eine Auswahl von 13 Stücken, darunter zwei Musiken von Niels Lorenz. Gemeinsam spielten und arrangierten sie die Songs, die in der Folge und in Gemeinschaftsproduktion mit Moses Schneider und Ben Lauber zu dem vorliegenden, vierten Quarks-Album »Quarksland« wurden. Seit acht Jahren arbeiten von Willsdorf und Lorenz schon unter dem Namen Quarks zusammen. Zum ersten Mal aber bauten Sie Raummikrofone auf und nahmen die Kernspuren des Albums – den Gesang, die akustischen Instrumente – im weißen Schlafzimmer auf. „Liebevoll und skrupellos“, nennt von Willsdorf diese Vorgehensweise, die so naheliegend ist – und doch so selten angewandt wird. (Daniel Lanois erwähnte einmal in einem Interview, dass er seine besten Platten, mit U2 und mit Bob Dylan, in Wohnküchen aufgenommen hätte… – aber das nur am Rande). Dass die beiden Wahlberliner aus Hamburg bei ihrer Arbeit immerfort unterbrochen wurden – die Straßenbahn fährt vorbei und hinterlässt Frequenzen, draußen klingelt ein Handy, Musikanten spielen für Geld auf dem Bürgersteig –, merkt man den Aufnahmen zunächst nicht an, im Gegenteil: Der Sound der Großstadt hat sich, wenn auch kaum mehr identifizierbar in die Harddisc Recordings, unter die Klangwellen der Gitarre, des Basses, von Jovankas Stimme eingeschlichen.

Das verleiht den Songs einen faszinierenden Resonanzkörper, der erwähnt werden muss, weil so viele Klangarchitekturen heutzutage ohne ihn meinen auskommen zu können. In der Arbeitsweise ähnelt dies übrigens der Martin L. Gores, dem Songschreiber von Depeche Mode: Auch er gab Songs immer erst an die Band weiter, wenn sie sich auf Klavier und Gitarre wunderbar spielen und singen ließen.

Dem akustischen Klang haben die Quarks in einem zweiten Durchgang elektronische Soundscapes entgegengesetzt, atmende, zischelnde, schabende Mikrokosmen voller Eigenleben. Das wirft nicht nur die Frage auf, ob Festplatten nachts von elektronischen Symphonien träumen, das führte auch dazu, dass Jovanka und Niels ab einem gewissen Zeitpunkt im Herbst letzten Jahres das Zimmer verließen und in den Transporterraum in Kreuzberg umzogen, wo sie gemeinsam mit Moses Schneider und Ben Lauber am elektroakustischen Destillat zu arbeiten begannen. Es gibt einen neuen Dokumentarfilm von Harry Rag (S.Y.P.H.) über »Quarksland«, in welchem jener, unsichtbar bleibend, die Kamera auf Jovankas Gesicht gerichtet, dem Entstehungsprozess einiger Songs vom Singen einer Melodie ins Diktiergerät bis zum fertigen Werk beiwohnt. Auch Schneider kommt in der Studie zu Wort und bringt gewissermaßen als außenstehender Beteiligter Licht in die Welt der Quarks: „Es ist seltsam, aber wo andere lange daran arbeiten, bis aus einer Idee ein Song wird, war der Song bei den Quarks stets das erste, was fertig wurde. Um diese in Jovankas Schlafzimmer festgehaltenen ersten Momente des Musizierens haben wir die Elektronik herum komponiert.“

»Quarksland« handelt vom Fortschreiten. So kommen die „Havarienbeobachtungen“ (von Willsdorf), die inneren Monologe über das Abschiednehmen, das notwendig wird, weil man das Leben als Reise begreift und also ständig am Aufbrechen ist. „Quarks-Songs sind wie Reiseberichte“, sagt Jovanka, „deshalb kann man sich in Quarksland auch nicht verlaufen.“ Der Leuchtturm ist Jovankas Stimme, die der Melancholie in den Songs einen Körper gibt, Quarksland schließlich, und diese Frage muss beantwortet werden, ist kein konkreter Ort, sondern eine Art Filter, durch den die Welt betrachtet werden kann. Natürlich hieß das erste eigene Studio-Setup, das von Willsdorf und Lorenz seinerzeit aufgebaut hatten, um ihre ersten drei Alben »Zuhause«, »Königin« und »Trigger Me Happy« einzuspielen, ebenfalls „Quarksland“.

Heute, zu Album vier, ist zu vermerken, dass das Album roher klingt als alles, was die Quarks zuvor gemacht haben, aber auch wärmer und dichter. Der Stretch der Songs ist so weit wie noch nie, von Song zu Song wird sogar zwischen der englischen und der deutschen Sprache hin und her gesprungen. Ein von Lorenz komponierter und gesungener, markerweichend schöner Song wie »Wer weiß« mit dem rätselhaften Refrain „So wie ein Schiff das untergeht / Und die Welt sich trotzdem weiterdreht / Kann ich uns von oben sehen / Bleib nicht stehen“ steht auf »Quarksland« wie selbstverständlich neben all den Stücken, die von Willsdorf geschrieben hat, darunter so unterschiedliche wie das elektro-funkige >>Picture me« oder »Du entkommst mir nicht«, eine dunkle Liebesballade, die mit ihren bedrohlich- lockenden Worten so selbstverständlich daher kommt, dass sie wie ein ewig schon existierendes Lied wirkt. Die neuen Stücke der Quarks fordern uns, indem sie uns ernst nehmen, sie besitzen eine Schwerkraft wie ein Sternensystem, sie erinnern uns vor allem daran, dass es nichts spannenderes gibt als das Leben. Sie sind ein großer Wurf.

Quelle: AddOnMusic
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