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Henni Nachtsheim Biographie

Henni Nachtsheim

Sagen Sie Ihrem Gegenüber laut und deutlich den Namen Henni Nachtsheim. Schmunzelt er wissend und erhellt sich sein Gesicht, befinden Sie sich ziemlich sicher im Postleitzahlgebiet mit 6XXXX....Wenn er grübelt, fügen Sie das Stichwort "Badesalz" dazu. Jetzt schmunzelt man auch in den PLZ-Regionen von 0 - 9. Die Reflexe sind also in Ordnung und Sie können 10 Felder aufrücken.

Wenn Sie jetzt aber denken, Sie wissen schon, was kommt, gehen Sie zurück zum Anfang und drücken auf Start. Es kommt nämlich anders, als Sie denken.

Henni Nachtsheim ist nach langer Zeit mal wieder als Musiker unterwegs. Als Sänger. Als Komponist. Als Songschreiber. Und zwar solo. Urlaub von Badesalz mit Returnticket. Aber ganz ohne Situationskomik geht's dann doch nicht. Weder in den Texten noch in einer Begegnung mit Henni, der eigentlich Hendrik heißt.

Das geht schon los, wenn man ihn für dieses Feature interviewt und, ganz Chronistensorgfalt, nach dem Geburtsdatum fragt. Das sei jedes Mal anders. Je nach Fitnessfaktor, Tageszeit, Kontoauszug. Vorsichtige Rückfrage, für wie alt man ihn denn einschätzt. Die angesichts des jungenhaften, verschmitzten Gegenübers aufgerufene 35 wehrt er bescheiden ab - wir einigen uns auf 40. Sternkreiszeichen "Fisch" - er ist "abergläubisch" und lässt damit unfreiwillig wieder den Hessen raus, der auf seinem Album eigentlich keine Rolle spielen soll. Der Geburtstag ist am 15.3., einen Tag nach Albert Einstein. Das Zuspät-Kommen hat er von seinem Vater, einem Journalisten. Der verpasste um eine Auslöser-Klicksekunde das lizenzträchtige Jahrhundertfoto: Ein tonnenschwerer Elefant schwebt schweigend und schwerelos in der schwankenden Schwebebahn über die schwappende Wupper. Sch... gelaufen. Inzwischen sind die Eltern freundlich geschieden, aber das hatte nichts damit zu tun.

Der Bruder, 6 Jahre älter, zündelt: er überzeugt Henni, die quietschende, verhasste Blockflöte spielen und lieben zu lernen, der Weg zum Saxofonisten war frei und damit die frühe, schnurgerade Musiker-Karriere. Zunächst als Saxofonist der brüderlichen Kappelle "Space Fart". Erste Tagesgage: 20 gute Deutsche Mark. Später dann bei "Hartz Reinhard Revival", die Vorläuferband von den Rodgau Monotones. Damit war man in drei Schritten auf einem ersten Höhepunkt eines Musikerlebens. Die Band ist aber eher gitarrenorientiert. Henni steigt um auf Gesang und schmettert: "Erbarme - zu spät - die Hesse komme". Punkt-Satz-Sieg und eine Tagesgage, mit der man nicht mehr nebenher sein Leben als Garantiesachbearbeiter bei Simca finanzieren muss.

Die Normalo-Seite dieser Kurzbiografie: Vor und nach der Schule: Spiel und Sport in allen möglichen Vereinen, Fußball natürlich an erster Stelle. In der Schule: Sport in allen Disziplinen supergut. Inklusive Pädagogenboxen in 3 Runden. Sprachen gut, alles was mit Zahlen und Logik zu tun hat, miserabel. Kompensiert das mit einer (O-Ton Nachtsheim) "vorlauten, großen Fresse". Umso verklemmter in Liebesdingen - erster Kuss mit 14, sie hieß Doris. 2 x Sitzen geblieben. Notabitur als 2. Chance nach vorzeitigem Verlassen des Gymnasiums. Zivildienst. Eine viel versprechend
angefangene künstlerische Karriere als Autor und Nachwuchsverleger von Kinderbüchern gerät in den Schlagschatten der Musik. Die damalige Idee, als Sportjournalist zu arbeiten, überdauert zumindest als gelegentlicher "Eintracht Frankfurt"-Kolumnenschreiber für die "Giessener Allgemeine".

Über 12 Jahre dann die Rodgau Monotones. Das war eine gute Zeit. Was gibt es Schöneres für einen Musiker als ausverkaufte Konzerte, enthusiastisch reagierende Fans, anfangs die meisten mit hessischer Duftnote. Aber der Radius wurde größer und größer und erfasste bald die ganze Republik.
Doch irgendwann ging mit der Spannung auch die Lust aus. Wer einmal in einer WG gewohnt hat, kennt das - unterschiedliche Auffassungen über Aufgabenverteilung, Timing, Organisation mutieren zur gruppendynamischen Erosion und Henni orientierte sich neu. Ohne Groll. Die künstlerische Freundschaft mit Ali Neander überdauert. Man arbeitet immer wieder zusammen, so auch bei dem vorliegenden, neuen Soloalbum von Henni, das Anlass für diesen Rückblick ist.

Über den Start von Badesalz haben Henni und Gerd Knebel, sein passgenaues Gegenstück, im Laufe der Jahre verschiedene Versionen gestreut. Sicher ist aber, dass mit Anfang der 90er Jahre Deutschland die Befähigung zum sinnfreien Blödeln und Ätzen entdeckte. Das spitzzüngige politische Kabarett hatte mit der durch allgemeine wirtschaftliche und soziale Zufriedenheit ausgelöste, allgemeine Lethargie seine Zielscheibe und damit sein großes Publikum verloren, es war die Zeit für die große Comedy-Bewegung, deren Halbzeitwert noch längst nicht abzusehen ist. Bester Humus für "Badesalz". Hessischer Humor wurde bald so ein Markenzeichen wie Englischer Humor. "Badesalz" ist Comedy und auch wieder nicht, ist Klamauk und auch wieder nicht, ist intelligent und auch wieder nicht. Auf jeden Fall ist Badesalz ausgesprochen erfolgreich: Drei "Goldene", ausverkaufte Tourneen (als Platzhirsche traten sie vor der den Toren Frankfurts vor 12.000 Fans auf), ihre TV-Serie bei SAT 1 hat Knüller-Einschaltquoten. Knebel und Nachtsheim geben sich jetzt eine Auszeit für den Ausflug in jeweils eigene Soloprojekte.

Bleibt noch Henni als Mensch: Keine bohémientypischen Extravaganzas. No "Sex&Drugs&Rock'n'Roll". Ihn befriedigt weit mehr das saugute Gefühl nach einer gelungenen Show. Das feiert er mit sich selbst. Und er schätzt lange, gute Gespräche mit Menschen, die auf gleicher Wellenlänge laufen. Dann hält er es auch mal länger auf einem Platz aus. Ansonsten ist er rastlos, immer auf der Suche, immer offen für Inspirationen. Er beobachtet, notiert, registriert, sein Gedächtnis eine Gigabyte-Festplatte. Um den Kopf mal wieder freizukriegen, unternimmt er stundenlange Wanderungen mit den Hunden. Früher "Socke", jetzt "Wilma". Die inspirieren ihn, erden ihn aber auch. Er nimmt Anteil an seiner Umgebung und setzt seinen Namen dafür ein, hier und da an sozialen Schwachstellen aufzutauchen, um Bewusstsein zu schaffen und Mittel loszueisen. Er legt sich dabei nicht fest. Er reagiert intuitiv, wenn er meint, irgendwo helfen zu können. Seine dunkle Seite: Entspannen kann er am besten bei einem ruppigen Eishockeyspiel seiner Mannschaft "Lions Frankfurt". Auch, wenn da die Fetzen und vereinzelt auch mal Zähne fliegen. ("Wer braucht schon sein Gebiss, wenn er dafür Deutscher Meister ist" aus der "Lions"-Vereinshymne "Kühler Kopf und hessisches Herz" - von Henni Nachtsheim, wem sonst).
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