Feist Biographie
Feist
Ach, wie überschaubar war die Popwelt in den Achtzigern. Der Musikjournalist als solcher sortierte Länder und Szenen damals einfach in genau definierte Schubladen ein. Realität und Klischee waren ein und dasselbe. Zum Beispiel Kanada: Holzfällerhemden, kernige Gitarren, Mainstreamrock. Einmal definiert, passte immer. Doch das sind längst verwelkte Ahornblätter von gestern. In der fragmentierten Gegenwart des 21. Jahrhunderts, in dem die Puzzleteile ein bizarres Mosaik, aber kein Gesamtbild mehr ergeben, sind nationale Stereotypen fehl am Platz, wie das kanadische Kaleidoskop Leslie Feist zeigt. Die Musikerin aus Calgary ist überall und nirgends zu Hause. Ihr künstlerisches Prinzip heißt Austausch und Inspiration. Höchste Zeit also für „Open Sesason“, ein Album, das Remixe und Kollaborationen versammelt, die so vielfältig sind wie Leslie Feist selbst.
Das mag daran liegen, dass Feist In den drei Jahrzehnten ihres bisherigen Lebens ganz schön herum gekommen ist. Geographisch wie musikalisch. Am Anfang war der Punk. 1991 tauscht die 15 Jahre junge Leslie in einem Second-Hand-Laden ihre kirschroten 20-Loch-Doc-Martens gegen einen Fender Mustang Bass, den sie in bester „Do it yourself“-Manier gleich mit dem Rasierapparat bearbeitet. Bei einem Wettbewerb gewinnt ihre Schülerband 1991 einen Auftritt im Vorprogramm der Ramones. Vier Jahre später sind Feists Stimmbänder vom dauernden Ansingen gegen die brüllend lauten Marshallboxen ihres Metallica-verliebten Gitarristen so ruiniert, dass ihr ein Arzt in Toronto ein sechsmonatiges Schweigegelübde auferlegt.
Feist bleibt stummt und schreibt erst mal Songs auf der Gitarre. Sie klingen nach Indierock. Ein Teil davon ziert ihr 1999 erschienenes Soloalbum „Monarch“. Feist tut sich in Toronto mit einer Musikerkommune zusammen, die wir heute als Broken Social Scene kennen. Sie tourt mit der Rockband By Divine Right. Zu Hause in Toronto lassen die ohrenbetäubenden Sounds ihrer Mitbewohnerin Peaches den Kalk aus den Wänden der gemeinsamen Wohngemeinschaft rieseln. Peaches exportiert ihren harten Mix aus Porno, Punk und Rap nach Berlin und nimmt ihre Freunde wie den glutäugigen Gonzales, Taylor Savvy und Leslie Feist gleich mit. Die Kanada-Connection mischt Berlin auf. Dann zieht die Posse um die Welt. Feist tritt mal mit dem einen, dann mit dem anderen auf. Schließlich bleibt sie in Paris hängen. Es ist Zeit für eine Veränderung. Wieder einmal.
An der Seine will Feist eigentlich eine Folkplatte aufnehmen. Stattdessen entsteht „Let it Die“ – das Überraschungsalbum des Jahres 2004. Die Platte klingt so wehmütig wie der vergehende Sommer, in dem sie erscheint. „Let it Die“ steckt voll leichter, aber nicht leichtgewichtiger Songs, denen Feists heller Sopran eine kühle, aber nicht unterkühlte Erotik einflüstert. Aus ein paar Akustikgitarren-Demos wird mit der Hilfe von Gonzales und Renaud Letang (Mano Chao) clever zeitloser Wiedergänger-Pop. Ein bisschen Disco, ein wenig 80er-Jahre-Funk, ein paar Samples hier, eine Prise geschmackvoller Jazz da, hingetupfte Bläser, wohlige Orgel – „Let it Die“ ist distinguiert gepimpter Folk mit Wiederhaken, ein langsam wirkendes Gift, das wohlige Schauer und Gänsehaut im selben Moment erzeugt.
„Let it Die“ lotet Möglichkeiten aus. Die Platte zeigt, was sich aus einer Handvoll Songs zaubern lässt. Wie subtile Arrangements Gefühle verstärken, Stimmung potenzieren und Kontraste schärfen können – und wie man einem Song gibt, was er braucht, um von innen heraus zu leuchten.
„Open Season“ ist jetzt die logische Fortsetzung und Ergänzung des Vorgängers. Gonzales’ pure Pianoversion von „One Evening“ und die reduzierte Lagerfeuervariante des Bee Gees-Covers „Inside + Out“ zeigen das Fundament von “Let it Die”: Der Song als solcher ist und bleibt die Basis der Musik von Leslie Feist. Die Remixe dagegen führen vor, was noch alles in “Let it Die” steckt – man muss nur weit genug gehen wollen. Das beste Beispiel sind die vier Versionen von „Mushaboom“. Feists alter Kumpel Mocky erinnert mit einem fingerfertigen „Just an Illusion“-Zitat an das 80s-Trio Imagination. K-OS setzt bei der selben Nummer auf eine kräftige Beatbox, Rap und Handclap-Rhythmen, auf die selbst Pharrell Williams stolz wäre. Renaud Letang und Jason Beck legen gleich zweimal Hand an. Schon der erste Versuch macht „Mushaboom“ gehörig Beine. Zum guten Schluss dreht das Duo den Songs so durch die Mühle, das ein reiner Dancetrack daraus wird.
Als Sahnehäubchen bietet „Open Season“ außerdem drei Gastauftritte, die Leslie Feist auf den Alben anderer hatte und die hier zusammen geführt werden. Neben dem Gonzales-Duett „Lovertits“ und „The Simple Story“ an der Seite der Gainsbourg-Muse Jane Birkin gehört dazu „Snow Lion“ mit Readymade F.C. – lasziv, geheimnisvoll und mit wunderbar perlenden Harfen verziert. Kollaborationen wie diese zeigen: Das Ganze ist eben mehr als nur die Summe seiner Teile. Dem Vernehmen nach arbeitet Leslie Feist mit dem Techno-Produzenten Jamie Lidell bereits an neuem Material. Man darf gespannt sein, was da noch auf uns zu kommt. „Open Season“ lässt jeden Falls für die Zukunft dieser Musikerin das Beste hoffen.
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"Let It Die" ist ein sehr stark auf den Gesang ausgerichtetes Album. Ebenso bedacht wie gekonnt um Feists verführerische, ausdrucksstarke Stimme herum komponiert, präsentiert sich "Let It Die" als eine homogene Melange aus folkigen Elementen in bester Storyteller-Manier, starken Melodie-Hooklines, sehr gefühlvollen und melodischen Komponenten und im Stil des modernen Pops minimalistisch arrangiert. Wie eine einfache Strichzeichnung im Gegensatz zu einem detaillierteren Gemälde, atmen diese Tunes durch die Simplizität, die den nötigen Raum liefert, um mit Emotionen gefüllt zu werden. Gerade dieser Verzicht auf zu komplizierte Strukturen unterscheidet "Let It Die" erfrischend von dem Gros der Veröffentlichungen des aktuellen Music-Biz. Diese Einfachheit ist es, die eine wunderschöne musikalische Alternative entstehen lässt, den künstlerischen Einheitsbrei aufbricht und farbenprächtig die besonderen Momente illustriert, die uns diese kleinen Geschichten erzählen.
Ihr Werdegang war sehr facettenreich und weist so viele unterschiedliche Eckpunkte auf, die allesamt die in Kanada geborene Sängerin Feist schließlich zu dem gemacht haben, was sie heute ist. Um den Platz nicht zu sprengen, hier nun nur ein paar Eindrücke aus der letzten Zeit ihres noch so jungen Lebens.
"Bei meinem ersten richtigen Auftritt supporteten wir die Ramones auf einem Festival, nachdem meine Highschool-Punk-Band einen Band-Wettbewerb gewonnen hatte. Wir spielten so ca. fünf Jahre lang zusammen. Dann zog ich von der Rodeo-/Olympia-Stadt Calgary nach Toronto, um dort einen Arzt für musikalische Beschwerden aufzusuchen, nachdem ich mit 19 meine Stimme verloren hatte - als Folge meiner ersten Tour quer durch Kanada. Ich kannte zu der Zeit keine einzige Seele in Toronto und wohnte dort 6 Monate lang in einer dunklen Kellerwohnung mit einem Vierspur-Gerät und der Auflage, nicht zu singen - also besorgte ich mir eine Gitarre, die diesen Part für mich übernehmen musste. Einige Jahre später spielte ich Gitarre in einer Rock-Band, die 6 Monate lang als Opener der wohl erfolgreichsten kanadischen Band, The Tragically Hip, spielte - auf einer Stadion-Tour vor so im Schnitt 40.000 Leuten. Im gleichen Jahr (1999) veröffentlichte ich mein erstes Solo-Album, das ich von der Bühne aus verkaufte - das waren dann allerdings wieder weitaus kleinere Bühnen."
"Dann, im Jahr 2000, veröffentlichte Peaches, mit der ich zusammen wohnte, ihr schon bald mit Kult-Status versehenes Album 'Teaches Of Peaches', auf dem ich an einigen Stellen sang. Auch in ihren Shows in Toronto und später in Europa - die ihr den Durchbruch bringen sollten - war ich mit von der Partie. Das Haus, in dem Peaches und ich zu der Zeit lebten, hatte den Namen 'The 701' und auch Mocky, Taylor Savvy und Gonzales bekamen Nachschlüssel. Denn wir arbeiteten jahrelang in unterschiedlichsten Konstellationen zusammen."
"Später im Jahr 2000 steuerte ich meinen Gesang auch auf Gonzales erster Europa-Veröffentlichung 'Über Alles' bei und tourte mit ihm durch Europa, während ich nebenbei an meinem eigenen Solo-Material arbeitete. Anfang 2001 wollten dann ein paar alte Freunde und ich etwas machen, um den nicht enden wollenden, brutalen kanadischen Winter ertragen zu können. Also verpflichteten wir uns für eine Show, die einen Monat später stattfinden sollte - mit der Idee, dass wir das gesamte Songmaterial in der verbleibenden Zeit schreiben wollten. Die Show nannten wir 'Broken Social Scene'. Zwei der Jungs hatten ein Jahr zuvor ein Instrumental-Album gleichen Namens eingespielt und gingen davon aus, dass sie die Songs des Albums sowieso nie live spielen würden. Während weiterer Touren mit Chilly [Gonzales] im Jahr 2001 nahm ich immer wieder Teile meines Gesanges für das entstehende 'Broken Social Scene'-Album auf (das dann unter dem Titel 'You Forgot It In People' im letzten Oktober im UK veröffentlicht wurde; einige Monate später als in Nordamerika, wo es auf dem selbst ins Leben gerufene Label 'Arts And Crafts' herausgekommen war). Danach begannen wir, in Amerika zu touren."
"Während der Europa-Tour von Gonzales im Winter 2002/03, begannen Gonzales und ich, wenn wir keine Konzerte hatten, einige der Songs aufzunehmen, die bei mir zu Haus als Demos entstanden waren - 'The Red Demos'. Das machten wir zusammen mit Renaud Letang (Manu Chao) in Paris. Später schrieben wir noch zusammen ein paar neue Songs und spielten einige Cover-Versionen von Stücken ein, die wir besonders liebten."
Insgesamt drei Songs dieser Sessions sind jetzt auch auf "Let It Die" wieder zu finden. Womit wieder die Gegenwart erreicht wäre. Der Longplayer "Let It Die" präsentiert insgesamt 11 aufregende Songs - bilderreich, ausdrucksvoll, voller Gefühle und mit einer gehörigen Portion Spaß versehen.
"Gatekeeper" und "Now At Last" umrahmen mit ihrer sehr persönlichen, nach innen gekehrten und beschaulichen Art das Gesamtwerk. Die erste Single "Mushaboom" hingegen fängt den lebhaften Geist des heutigen Lebens in den kosmopolitischen Städten ein, so, als ob man gerade aus dem Traum erwacht, irgendwo an einem ruhigeren Plätzchen zu leben. Der "hausgemachte", musikalische Hintergrund aus Gitarren und Percussions klingt, als käme er direkt von einem Lagerfeuer und liefert nachdrücklich-kraftvoll Hoffnung und Freude auf die Zukunft. "Tout Doucement" wiederum präsentiert sich wie ein Walzer aus den '20ern, gemeinsam getanzt mit der einen geliebten Person, mit der man lacht. Verführerisch, voller Spannung und wahrhaft einzigartig.
"When I Was A Young Girl" ist sehr eigen, chilling und erbarmungslos schön, mit Feists wundervoller Stimme, die von einem Badalamenti-ähnlichen Background getragen wird. Dies ist ein Track, um den sich wahrscheinlich Lynch und Stone prügeln würden, um ihn als Untermalung für ihren neuesten Film zu ergattern...
"Secret Heart" und "One Evening" gehen beide ohne Umwege direkt in die Beine und erzählen Geschichten über das Ende einer Liebe. "Inside Out" zeigt Feists Interpretation des Bee Gees-Klassikers. Ein Song, der grandios, prächtig und anders als alles andere ist, was man in diesem Jahr zu hören bekommen wird. Stilistisch eine unerwartete Wendung, und doch passt sich dieser Tune perfekt in die entspannte Atmosphäre dieses Albums ein, die von Ruhe und knisternden Gefühlen dominiert wird.
Neben ihrem eigenen Album "Let It Die" ist Feist weiterhin bei einigen aktuellen Kooperationen zu hören. Darunter auf "Republic Of Two", dem neuen Album von den Kings Of Convenience; oder in dem Duett mit Mocky auf dessen frischen Longplayer "Are And Be"; sie schrieb zusammen mit Jane Birkin ein Duett für deren neuestes Album; ist auf dem aktuellen Album ihrer "Arts And Crafts"-Label-Kollegen Apostle Of Hustle mit von der Partie. Und die Arbeiten an einem neuen Broken Social Scene-Album haben gerade begonnen.
Doch jetzt ist es erstmal an der Zeit für Feist und "Let It Die". Ein fesselndes, bezauberndes Werk, das man einfach überall hören könnte - sei es im Badezimmer oder an der Bar, es begleitet alle Stimmungen des Hörers. Dies ist ein Album, das an alte Zeiten erinnert. An Zeiten, in denen Singer/Songwriter alle möglichen Stile miteinander vermischten - seien sie "old fashioned" oder brandaktuell. Hier gewährt eine Künstlerin Einblick in ihre Privatsphäre. Und es ist doch nur das eigene Leben, das man entdeckt...
Das mag daran liegen, dass Feist In den drei Jahrzehnten ihres bisherigen Lebens ganz schön herum gekommen ist. Geographisch wie musikalisch. Am Anfang war der Punk. 1991 tauscht die 15 Jahre junge Leslie in einem Second-Hand-Laden ihre kirschroten 20-Loch-Doc-Martens gegen einen Fender Mustang Bass, den sie in bester „Do it yourself“-Manier gleich mit dem Rasierapparat bearbeitet. Bei einem Wettbewerb gewinnt ihre Schülerband 1991 einen Auftritt im Vorprogramm der Ramones. Vier Jahre später sind Feists Stimmbänder vom dauernden Ansingen gegen die brüllend lauten Marshallboxen ihres Metallica-verliebten Gitarristen so ruiniert, dass ihr ein Arzt in Toronto ein sechsmonatiges Schweigegelübde auferlegt.
Feist bleibt stummt und schreibt erst mal Songs auf der Gitarre. Sie klingen nach Indierock. Ein Teil davon ziert ihr 1999 erschienenes Soloalbum „Monarch“. Feist tut sich in Toronto mit einer Musikerkommune zusammen, die wir heute als Broken Social Scene kennen. Sie tourt mit der Rockband By Divine Right. Zu Hause in Toronto lassen die ohrenbetäubenden Sounds ihrer Mitbewohnerin Peaches den Kalk aus den Wänden der gemeinsamen Wohngemeinschaft rieseln. Peaches exportiert ihren harten Mix aus Porno, Punk und Rap nach Berlin und nimmt ihre Freunde wie den glutäugigen Gonzales, Taylor Savvy und Leslie Feist gleich mit. Die Kanada-Connection mischt Berlin auf. Dann zieht die Posse um die Welt. Feist tritt mal mit dem einen, dann mit dem anderen auf. Schließlich bleibt sie in Paris hängen. Es ist Zeit für eine Veränderung. Wieder einmal.
An der Seine will Feist eigentlich eine Folkplatte aufnehmen. Stattdessen entsteht „Let it Die“ – das Überraschungsalbum des Jahres 2004. Die Platte klingt so wehmütig wie der vergehende Sommer, in dem sie erscheint. „Let it Die“ steckt voll leichter, aber nicht leichtgewichtiger Songs, denen Feists heller Sopran eine kühle, aber nicht unterkühlte Erotik einflüstert. Aus ein paar Akustikgitarren-Demos wird mit der Hilfe von Gonzales und Renaud Letang (Mano Chao) clever zeitloser Wiedergänger-Pop. Ein bisschen Disco, ein wenig 80er-Jahre-Funk, ein paar Samples hier, eine Prise geschmackvoller Jazz da, hingetupfte Bläser, wohlige Orgel – „Let it Die“ ist distinguiert gepimpter Folk mit Wiederhaken, ein langsam wirkendes Gift, das wohlige Schauer und Gänsehaut im selben Moment erzeugt.
„Let it Die“ lotet Möglichkeiten aus. Die Platte zeigt, was sich aus einer Handvoll Songs zaubern lässt. Wie subtile Arrangements Gefühle verstärken, Stimmung potenzieren und Kontraste schärfen können – und wie man einem Song gibt, was er braucht, um von innen heraus zu leuchten.
„Open Season“ ist jetzt die logische Fortsetzung und Ergänzung des Vorgängers. Gonzales’ pure Pianoversion von „One Evening“ und die reduzierte Lagerfeuervariante des Bee Gees-Covers „Inside + Out“ zeigen das Fundament von “Let it Die”: Der Song als solcher ist und bleibt die Basis der Musik von Leslie Feist. Die Remixe dagegen führen vor, was noch alles in “Let it Die” steckt – man muss nur weit genug gehen wollen. Das beste Beispiel sind die vier Versionen von „Mushaboom“. Feists alter Kumpel Mocky erinnert mit einem fingerfertigen „Just an Illusion“-Zitat an das 80s-Trio Imagination. K-OS setzt bei der selben Nummer auf eine kräftige Beatbox, Rap und Handclap-Rhythmen, auf die selbst Pharrell Williams stolz wäre. Renaud Letang und Jason Beck legen gleich zweimal Hand an. Schon der erste Versuch macht „Mushaboom“ gehörig Beine. Zum guten Schluss dreht das Duo den Songs so durch die Mühle, das ein reiner Dancetrack daraus wird.
Als Sahnehäubchen bietet „Open Season“ außerdem drei Gastauftritte, die Leslie Feist auf den Alben anderer hatte und die hier zusammen geführt werden. Neben dem Gonzales-Duett „Lovertits“ und „The Simple Story“ an der Seite der Gainsbourg-Muse Jane Birkin gehört dazu „Snow Lion“ mit Readymade F.C. – lasziv, geheimnisvoll und mit wunderbar perlenden Harfen verziert. Kollaborationen wie diese zeigen: Das Ganze ist eben mehr als nur die Summe seiner Teile. Dem Vernehmen nach arbeitet Leslie Feist mit dem Techno-Produzenten Jamie Lidell bereits an neuem Material. Man darf gespannt sein, was da noch auf uns zu kommt. „Open Season“ lässt jeden Falls für die Zukunft dieser Musikerin das Beste hoffen.
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"Let It Die" ist ein sehr stark auf den Gesang ausgerichtetes Album. Ebenso bedacht wie gekonnt um Feists verführerische, ausdrucksstarke Stimme herum komponiert, präsentiert sich "Let It Die" als eine homogene Melange aus folkigen Elementen in bester Storyteller-Manier, starken Melodie-Hooklines, sehr gefühlvollen und melodischen Komponenten und im Stil des modernen Pops minimalistisch arrangiert. Wie eine einfache Strichzeichnung im Gegensatz zu einem detaillierteren Gemälde, atmen diese Tunes durch die Simplizität, die den nötigen Raum liefert, um mit Emotionen gefüllt zu werden. Gerade dieser Verzicht auf zu komplizierte Strukturen unterscheidet "Let It Die" erfrischend von dem Gros der Veröffentlichungen des aktuellen Music-Biz. Diese Einfachheit ist es, die eine wunderschöne musikalische Alternative entstehen lässt, den künstlerischen Einheitsbrei aufbricht und farbenprächtig die besonderen Momente illustriert, die uns diese kleinen Geschichten erzählen.
Ihr Werdegang war sehr facettenreich und weist so viele unterschiedliche Eckpunkte auf, die allesamt die in Kanada geborene Sängerin Feist schließlich zu dem gemacht haben, was sie heute ist. Um den Platz nicht zu sprengen, hier nun nur ein paar Eindrücke aus der letzten Zeit ihres noch so jungen Lebens.
"Bei meinem ersten richtigen Auftritt supporteten wir die Ramones auf einem Festival, nachdem meine Highschool-Punk-Band einen Band-Wettbewerb gewonnen hatte. Wir spielten so ca. fünf Jahre lang zusammen. Dann zog ich von der Rodeo-/Olympia-Stadt Calgary nach Toronto, um dort einen Arzt für musikalische Beschwerden aufzusuchen, nachdem ich mit 19 meine Stimme verloren hatte - als Folge meiner ersten Tour quer durch Kanada. Ich kannte zu der Zeit keine einzige Seele in Toronto und wohnte dort 6 Monate lang in einer dunklen Kellerwohnung mit einem Vierspur-Gerät und der Auflage, nicht zu singen - also besorgte ich mir eine Gitarre, die diesen Part für mich übernehmen musste. Einige Jahre später spielte ich Gitarre in einer Rock-Band, die 6 Monate lang als Opener der wohl erfolgreichsten kanadischen Band, The Tragically Hip, spielte - auf einer Stadion-Tour vor so im Schnitt 40.000 Leuten. Im gleichen Jahr (1999) veröffentlichte ich mein erstes Solo-Album, das ich von der Bühne aus verkaufte - das waren dann allerdings wieder weitaus kleinere Bühnen."
"Dann, im Jahr 2000, veröffentlichte Peaches, mit der ich zusammen wohnte, ihr schon bald mit Kult-Status versehenes Album 'Teaches Of Peaches', auf dem ich an einigen Stellen sang. Auch in ihren Shows in Toronto und später in Europa - die ihr den Durchbruch bringen sollten - war ich mit von der Partie. Das Haus, in dem Peaches und ich zu der Zeit lebten, hatte den Namen 'The 701' und auch Mocky, Taylor Savvy und Gonzales bekamen Nachschlüssel. Denn wir arbeiteten jahrelang in unterschiedlichsten Konstellationen zusammen."
"Später im Jahr 2000 steuerte ich meinen Gesang auch auf Gonzales erster Europa-Veröffentlichung 'Über Alles' bei und tourte mit ihm durch Europa, während ich nebenbei an meinem eigenen Solo-Material arbeitete. Anfang 2001 wollten dann ein paar alte Freunde und ich etwas machen, um den nicht enden wollenden, brutalen kanadischen Winter ertragen zu können. Also verpflichteten wir uns für eine Show, die einen Monat später stattfinden sollte - mit der Idee, dass wir das gesamte Songmaterial in der verbleibenden Zeit schreiben wollten. Die Show nannten wir 'Broken Social Scene'. Zwei der Jungs hatten ein Jahr zuvor ein Instrumental-Album gleichen Namens eingespielt und gingen davon aus, dass sie die Songs des Albums sowieso nie live spielen würden. Während weiterer Touren mit Chilly [Gonzales] im Jahr 2001 nahm ich immer wieder Teile meines Gesanges für das entstehende 'Broken Social Scene'-Album auf (das dann unter dem Titel 'You Forgot It In People' im letzten Oktober im UK veröffentlicht wurde; einige Monate später als in Nordamerika, wo es auf dem selbst ins Leben gerufene Label 'Arts And Crafts' herausgekommen war). Danach begannen wir, in Amerika zu touren."
"Während der Europa-Tour von Gonzales im Winter 2002/03, begannen Gonzales und ich, wenn wir keine Konzerte hatten, einige der Songs aufzunehmen, die bei mir zu Haus als Demos entstanden waren - 'The Red Demos'. Das machten wir zusammen mit Renaud Letang (Manu Chao) in Paris. Später schrieben wir noch zusammen ein paar neue Songs und spielten einige Cover-Versionen von Stücken ein, die wir besonders liebten."
Insgesamt drei Songs dieser Sessions sind jetzt auch auf "Let It Die" wieder zu finden. Womit wieder die Gegenwart erreicht wäre. Der Longplayer "Let It Die" präsentiert insgesamt 11 aufregende Songs - bilderreich, ausdrucksvoll, voller Gefühle und mit einer gehörigen Portion Spaß versehen.
"Gatekeeper" und "Now At Last" umrahmen mit ihrer sehr persönlichen, nach innen gekehrten und beschaulichen Art das Gesamtwerk. Die erste Single "Mushaboom" hingegen fängt den lebhaften Geist des heutigen Lebens in den kosmopolitischen Städten ein, so, als ob man gerade aus dem Traum erwacht, irgendwo an einem ruhigeren Plätzchen zu leben. Der "hausgemachte", musikalische Hintergrund aus Gitarren und Percussions klingt, als käme er direkt von einem Lagerfeuer und liefert nachdrücklich-kraftvoll Hoffnung und Freude auf die Zukunft. "Tout Doucement" wiederum präsentiert sich wie ein Walzer aus den '20ern, gemeinsam getanzt mit der einen geliebten Person, mit der man lacht. Verführerisch, voller Spannung und wahrhaft einzigartig.
"When I Was A Young Girl" ist sehr eigen, chilling und erbarmungslos schön, mit Feists wundervoller Stimme, die von einem Badalamenti-ähnlichen Background getragen wird. Dies ist ein Track, um den sich wahrscheinlich Lynch und Stone prügeln würden, um ihn als Untermalung für ihren neuesten Film zu ergattern...
"Secret Heart" und "One Evening" gehen beide ohne Umwege direkt in die Beine und erzählen Geschichten über das Ende einer Liebe. "Inside Out" zeigt Feists Interpretation des Bee Gees-Klassikers. Ein Song, der grandios, prächtig und anders als alles andere ist, was man in diesem Jahr zu hören bekommen wird. Stilistisch eine unerwartete Wendung, und doch passt sich dieser Tune perfekt in die entspannte Atmosphäre dieses Albums ein, die von Ruhe und knisternden Gefühlen dominiert wird.
Neben ihrem eigenen Album "Let It Die" ist Feist weiterhin bei einigen aktuellen Kooperationen zu hören. Darunter auf "Republic Of Two", dem neuen Album von den Kings Of Convenience; oder in dem Duett mit Mocky auf dessen frischen Longplayer "Are And Be"; sie schrieb zusammen mit Jane Birkin ein Duett für deren neuestes Album; ist auf dem aktuellen Album ihrer "Arts And Crafts"-Label-Kollegen Apostle Of Hustle mit von der Partie. Und die Arbeiten an einem neuen Broken Social Scene-Album haben gerade begonnen.
Doch jetzt ist es erstmal an der Zeit für Feist und "Let It Die". Ein fesselndes, bezauberndes Werk, das man einfach überall hören könnte - sei es im Badezimmer oder an der Bar, es begleitet alle Stimmungen des Hörers. Dies ist ein Album, das an alte Zeiten erinnert. An Zeiten, in denen Singer/Songwriter alle möglichen Stile miteinander vermischten - seien sie "old fashioned" oder brandaktuell. Hier gewährt eine Künstlerin Einblick in ihre Privatsphäre. Und es ist doch nur das eigene Leben, das man entdeckt...




