Emilie Simon Biographie
Emilie Simon
Die
französische Klangkünstlerin Emilie Simon hat mit "Végétal" wieder
ein berückend-schönes Album voller düsterer Electro-Chansons vorgelegt, das
nicht nur Traumdeuter lieben können.
"Träumen und Musikmachen", hat Emilie Simon mal in einem Interview
mit der Süddeutschen Zeitung gesagt, das sei im Grunde genommen dasselbe für
sie. Und wahrscheinlich hat sie dabei den Kopf ein wenig schräg gehalten, mit
einem Finger im Haar gespielt und den Fragesteller aus großen, dunklen Augen
angesehen. Womit im Grunde genommen schon alle Eigenschaften der 28-jährigen
Französin beschrieben sind, zumindest aber die, die als stetig wiederkehrende
Motive im bundesdeutschen Feuilleton gerne zum Tragen kommen, wenn man sich
über vornehmlich weibliche, frankophone Künstler im Allgemeinen auslässt.
Stichwort: Amélie (also Audrey Tautou), Alizée ("Moi, Lolita") oder
die frühe Charlotte Gainsbourg.
Natürlich mag man auch bei ihrem neuen, zweiten regulären Album
"Végétal" wieder tief in die Klischeekiste greifen, vom gehauchten
und betörenden Lolitagesang bis hin zur traumwandlerischen Reise durch
entrückte Klangwelten, die sich anhören, als hätte Tim Burton den Score zu
einem Film von Jean-Pierre Jeunet geschrieben, wenn er es denn könnte. Man könnte
das durchaus tun, aber die nahe liegenden Kunstgriffe zu bemühen, würde dem
bisherigen Schaffen der jungen Allrounderin nicht mal im Ansatz gerecht werden.
Ihr neues Album macht da keine Ausnahme, im Gegenteil: Es untermauert
eindrucksvoll ihren Ruf. "Végétal" hat Emile Simon wieder komplett im
Alleingang geschrieben, arrangiert, produziert und aufgenommen, wie schon zuvor
ihr selbst betiteltes Debüt von 2003 und – freilich als Auftragsarbeit – den
Soundtrack zum Doku-Überraschungserfolg "La Marche De L'Empereur"
(dt. "Die Reise der Pinguine"), jenen spröden, kristallklaren und
kalten Elektronica-Klang, der so perfekt die unendliche Arktisweite hörbar
machte. "Végétal" hingegen ist eine Reise durch die Nacht, ein tiefer
Blick in ihre dunklen Augen, voller Wirrungen, Windungen und Gewusel wie ihre
langen, dunklen Haare, wie ein seltsam mäandernder Traum unter der Regie des
renommierten Clip-Regisseurs Michel Gondry ("The Science Of Sleep").
Je ne regret rien
Alles geht, alles ist möglich, beziehungsweise: Wir sollten es zumindest
probieren und werden es nicht bereuen. So lautet der Ansatz von Emile Simon,
der immanent wird im Track "Swimming", in dem das Plätschern des
Wassers den Rhythmus vorgibt, ein Fisch, der sich auf dem Trockenen windet –
oder was auch immer genau es ist, das ihr Minidisc-Rekorder, den sie immer bei
sich trägt, da eingefangen hat. Schon auf ihrem Debüt hat sie in "Il
pleut" ein Streichholz angezündet und daraus einen Song gemacht, sie ist
Visionärin, hält sich nicht mit einem Drumloop aus dem Mac auf, geschweige denn
mit Bass, Schlagzeug und Gitarren. Alles gereicht ihr als Mittel zum Zweck,
immerhin hat sie am berühmten „Institut de Recherche et Coordination
Acoustique/Musique“ in Paris studiert und "dabei neue Sounds und Instrumente
zusammengebastelt, die selbst den krassesten männlichen Nachwuchs-Stockhausens
Respekt abnötigen" (SZ, 2004). Sie singt von Alicia und einem Strauß
Rosen, vom Duft der Blumen und vom goldenen Oktober, der nur die helle Seite
des Herbstes zeigt. Sie hingegen zeigt uns auch die dunkle und ist dabei ein
Musik gewordenes Kindchenschema: Man wird das Gefühl nicht los, dass man dieses
scheinbar kleine, naive Mädchen vor ihren eigenen Traumwelten beschützen
müsste. Doch nur sie hält die Fäden in der Hand, weiß jederzeit, was sie tut.
Spielen auf dem Dachboden
Fälschlicherweise wird sie immer in die TripHop-Ecke gerückt, aber ihr Sound
ist strukturell meilenweit entfernt von den Zeitlupen-Downbeats von Portishead,
Morcheeba und Co. Im Grunde genommen spielt sie die Tom Waits-Variante von
TripHop, angehäuft mit allerlei Gerümpel, Blech und Unrat. Gäbe man Beth
Gibbons ein paar Gläser weniger bettschweren Rotweins zu trinken und ließe sie
statt im High-End Studio auf dem Dachboden spielen: Vielleicht klänge sie zumindest
ähnlich. Auf "Végétal" singt, pardon: haucht "die Simon"
sowohl in sinnlichem französisch, als auch in weltbürgerlichem Englisch. Beides
funktioniert, ersteres als Chanson-artiges, Orchester unterstütztes Kopfkino im
16:9-Format: Ein dunkler Nachthimmel voller Geigen, eine überbordende
Fantasiewelt ohne Grenzen, wie sie vielleicht auch Björk erschaffen kann. Auch
so eine Referenz, mit der Emilie Simon zuweilen konfrontiert wird.
Wahrscheinlich legt sie dann den Kopf schräg, vielleicht wird sie das Gesagte
als Kompliment auffassen, in ihren Haaren spielen und ihre dunklen Augen würden
nur dem Eingeweihten verraten, ob er damit Recht behält. Möglich wäre es.




